Ein peinliches Erlebnis

Ein peinliches Erlebnis :

Es gibt Geschichten, die sollte man besser für sich behalten und niemanden erzählen. Nicht einmal der besten Freundin und auf keinen Fall in der Öffentlichkeit, wenn ein Schriftsteller mit feinem Gehör in der Nähe seinen Kaffee mit Sahnehäubchen zu sich nimmt.

»Merle, jetzt erzähl uns dein peinlichstes Erlebnis.«
Kathrin schaut mich mit einem Grinsen im Gesicht an, sie kennt mein peinliches Erlebnis. Sie saß neben mir, als es passierte.

Als ich daran denken muss, schüttle ich heftig meinen Kopf, dass mir die Haare ins Gesicht fliegen. »Nee! Darauf habe ich keine Lust. Das war megapeinlich und gehört nicht hierher.«

Die Neugier der Mädels ist geweckt, ein Herausreden wird es nicht mehr geben. Kathrin, Hille, Josi und Petra erzählten ihre unangenehmen Episoden. Wir hatten uns darüber amüsiert und mit nachträglichen Ratschlägen. Und bissigen Bemerkungen nicht gegeizt.

Ein peinliches Erlebnis

Wir treffen uns jedes Jahr in Kühlungsborn, einem Bade- und Kurort an der Ostsee, um eine Woche lang den Alltag den Rücken zu kehren und unsere Freundschaft zu pflegen. Wir kennen uns seit dem Studium in Aachen und sind seitdem unzertrennlich. Nach und nach verstreuten wir uns über halb Europa. Ich blieb in Deutschland und bin die Einzige, die noch Single ist. Ich denke, das wird so bleiben. Schuld daran ist ein bemerkenswerter Mann, aber das ist eine andere Geschichte.

»Los, Merle, erzähl schon«, drängeln sie im Chor.
»Lass erst Tamara erzählen«, versuche ich abzulenken.
»Komm, lass dich nicht bitten.« Josi schubst mich am Arm, »So peinlich kann es nicht gewesen sein.«

»Du hast keine Ahnung.« Ich mache eine Pause, hole tief Luft und schaue in die Runde. Erwartungsvolle Gesichter richten ihre Blicke auf mich und hängen begierig an meinen Lippen.
»Also gut.« Ich strecke mich und atmete tief ein, bevor ich mich in den Ohrensessel sinken lasse.

»Es war vor elf Jahren. Ich war mit Kathrin ein Wochenende in Aachen gewesen. Wir wollten bei van den Daele einen Pflaumenmusfladen essen, das Reitturnier besuchen und ins Spielcasino gehen. Am ersten Abend saßen wir im Quellenhof an der Bar, tranken Rotwein und alberten mit dem Barkeeper herum. Leise Unterhaltungsmusik füllte den Raum und ein paar Gäste tanzten. Sie hatten Spaß, wie man an ihrem Lachen hören konnte. Ein peinliches Erlebnis

Kathrin ist ein attraktiver junger Mann aufgefallen, der geschmeidig über die Tanzfläche schwebte. Fließende Bewegungen, antörnender Hüftschwung, ausnehmend geschmeidig. Ein traumhaftes Geschöpf, und sehr gewandt. Wir stellten uns vor, was man im Bett alles mit ihm anstellen könnte. Wir blödelten herum und erregten uns mehr und mehr an unseren Worten und Fantasien.

Er tanzte abwechselnd mit zwei aufgedonnerten Püppchen, die seine Aufmerksamkeit sichtlich genossen und sich aufreizend an ihn drängten. Wir beschlossen, den beiden die Augen auszukratzen, wenn ihr Spiel weiterginge. Wenn er mit einer der Zicken an uns vorbeischwebte, lächelte er frech, als wüsste er, worüber wir uns unterhielten. Wir hatten Lust auf ihn, beide. Es wurde später und später und die Bar leerte sich langsam. Es war an der Zeit, aufs Zimmer zu gehen.«

Ich lehne mich im Sessel zurück und schaue einen Moment zur Decke und die Bilder kehren in meine Erinnerung zurück. Ich seufze, was Hille den Kommentar entlockt: »Das muss ein Traummann gewesen sein.« Sie stellt das mit hochgezogenen Augenbrauen fest.
Das war er. Und er sah nicht nur verteufelt gut aus.

»Enttäuscht gingen Kathrin und ich auf unsere Zimmer. Ich weiß noch, dass ich mir gewünscht hatte, er würde mich bitten, mit ihm zu gehen. Er war von einem Moment auf den anderen verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Wir hatten ihn nicht gehen sehen. Ich hatte die Gelegenheit verpasst. Er ist bestimmt mit einer der Tussen aufs Zimmer gegangen.«

»Oooch, wie schade«, ironisch meldet sich Tamara und Petra stimmt ein. Tamara setzt noch einen drauf, »Hat der Dildo einspringen müssen?« Es war keine Frage, mehr eine Feststellung.
»Nee. Und wenn, wäre das tragisch?« Ich winke ab und grinse frech, als ich mir den Liebhaber einsamer Stunden bei seiner trockenen Arbeit vorstelle.

»Am nächsten Morgen trafen Kathrin und ich uns gegen neun Uhr zum Frühstück. Ich hatte, abseits vom morgendlichen Trubel, einen Platz an einer Stellwand ausgesucht, die die Tische voneinander abschirmten. Kathrin kam eine Viertelstunde später. Ich trank gerade ein Glas Grapefruitsaft und blätterte in der Zeitung.« Ein peinliches Erlebnis

Ich sehe die Situation greifbar vor meinen Augen. Es kam zu folgendem Dialog mit Kathrin, den ich wortgetreu wiedergeben kann:
»Na, Merle, wie hast du geschlafen?«, fragte sie mich mit einem neugierigen Unterton, als ob ich den Typen später noch aufgetrieben hätte.

»Nicht gut. Ich hatte einen saublöden Traum, der mich die halbe Nacht wach gehalten hat.«
»Hast die ganze Nacht an den süßen Kerl gedacht und konntest nicht schlafen.« Sie lachte.
»Du nicht?«, gab ich leicht säuerlich zurück.

»Schon. Ich bin eingeschlafen. Ich hätte ihn dir von ganzem Herzen gegönnt.«
Damit waren die Frotzeleien beendet und wir widmeten uns dem Frühstück. Ein Glas Champagner bildete den krönenden Abschluss.

»Was hast du denn geträumt?« Kathrins Frage kam unverhofft. Der Champagner hatte meine Zunge gelockert und ließ mich sorglos werden. Ich erzählte Kathrin meinen Traum.
»Was kann an einem Traum peinlich sein?« Hille unterbricht meine Schilderung und schüttelt verständnislos den Kopf. Sie denkt so fürchterlich nüchtern.

»Wart es ab«, entgegne ich.
»In meinem Traum verlasse ich gerade das Bad in ein Badetuch gewickelt, da kommt der Typ aus der Bar lächelnd und splitterfasernackt in mein Schlafzimmer. Die großzügige Ausstattung zwischen seinen muskulösen Schenkeln versprach einen Marathon an Vergnü¬gungen.

Er kommt auf mich zu und sagt: Wirf den Fetzen weg und leg Dich aufs Bett. Und ich dumme Kuh, was tue ich? Ich schüttle den Kopf und sage „Nein“. Da schaut er mich mit seinen herrenschokoladebraunen Augen an, dass mir die Knie weich werden, zuckt mit den Schultern, dreht sich um und geht kopfschüttelnd ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer.«

Die Meute lacht über die verpasste Gelegenheit. Rufe schwirren durch den Raum. Das Gelächter ebbt nach peinlich langen Minuten ab und die Ratschläge, wie ich es bei der nächsten Gelegenheit machen sollte, versiegen ebenfalls. Ein peinliches Erlebnis

Da fragt Tamara in das Gelächter: »Was ist daran peinlich? Es war ein Traum.«
»Wart es ab, das ist erst die eine Hälfte der Geschichte.«

»Ach? Und wie ging es weiter?« Tamara beugt sich interessiert vor, in ihrem Gesicht liegt noch das Lachen, dahinter baut sich eine angespannte Neugier auf.

»Als er aus dem Zimmer war, da habe ich laut zu mir gesagt: Was bist du bloß für eine blöde Kuh, diese Gelegenheit wegzuwerfen. Also renne ich im Traum zur Tür, um ihn zurückzuholen. Er war weg, einfach weg. Ich bin zurück zu meinem Bett, hockte mich auf die Matratze und fing an zu heulen. Du blöde Kuh, sagte ich zu mir, das hätte eine tolle Nacht werden können. Dann bin ich aufgewacht und habe den Rest der Nacht die Decke angestarrt, weil mir dieser dumme Traum nicht mehr aus dem Kopf ging.«

Nach einer wohltuenden Pause fragt mich Tamara:
»Und was ist an dem Traum peinlich, außer das Du ihn erzählst?«

»Das Peinliche daran ist, dass der Typ unerwartet vor mir steht, sich räuspert und mir tief in die Augen blickt, als ich zu ihm aufschaue. Dann fragt er mich, ob ich heute Nacht wieder ‚Nein’ sagen würde, wenn er mich aufsuchen würde, um mit mir das nachzuholen, worauf ich im Traum unüberlegt und leichtsinnig, – er sagte tatsächlich leichtsinnig, verzichtet habe? Und dabei grinst er derart unverschämt, dass mir das Blut bis unter die Kopfhaut schießt.

Und Kathrin, die sich inzwischen von ihrem Schreck erholt hatte, hält sich den Bauch vor Lachen und ich saß da wie vom Donner gerührt, klebte in seinem Blick mit hochrotem Kopf und wusste nicht, was ich tun sollte.

Ein peinliches Erlebnis

Das Einzige, was ich herausbekam, war ein erstauntes, verunsichertes, irritiertes ‚Ähä’, worauf er sich zu mir herunterbeugt und mich mit einer hochgezogenen Augenbraue lächelnd fragt: War das jetzt ein JA? Und nach zwei Wimpernschlägen packt er noch eins drauf, bevor er sich grinsend umdreht und geht. Kein Marathon, fügt er hinzu, ein Ironman, viel länger und wesentlich ausdauernder.«

Alle prusten los, außer Kathrin, die nur lächelt und den Kopf schüttelt. Als die Meute sich beruhigt hat, fragt mich Tamara: »Wie ist das Märchen weitergegangen. Hat er wirklich in der Nacht an deine Tür geklopft?« Die Neugier steht ihr mit fetten Buchstaben ins Gesicht geschrieben. Schlagartig ist es ruhig im Raum. Ich blicke rundum in neugierig aufgerissene Augenpaare.

»Das, meine Lieben, das werde ich Euch sicher nicht auf die Nase binden.«

Ich hoffe inständig, dass Kathrin ihren Mund halten wird.

Von: Björn-Erik Nydal

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